
Geschichte · Collage
Hannah Höch: Bilder neu zusammensetzen
Hannah Höch arbeitete mit Bildern und Ausschnitten, die bereits eine Geschichte mitbrachten. In einer neuen Anordnung konnten sie etwas anderes sagen.
Die Druckansicht lässt Navigation und große Farbflächen weg.
Ein Kreis und ein schmaler Papierstreifen liegen nebeneinander auf einem Blatt, jede Form bleibt für sich. Schieben Sie den Streifen unter den Kreis, entsteht eine Verbindung, die vorher nicht da war, obwohl sich an keiner Form etwas geändert hat. Hannah Höch arbeitete mit Bildern und Ausschnitten, die bereits eine Geschichte mitbrachten. In einer neuen Anordnung konnten sie etwas anderes sagen.
Was sich beim Zusammenfügen verändert
Für den ersten Versuch brauchen Sie kein gedrucktes Bild. Zwei Formen genügen, um vier Entscheidungen kennenzulernen.
Die erste betrifft den Ausschnitt: Ein Kreis, von dem nur ein Viertel auf dem Blatt liegt, wirkt anders als ein vollständiger. Die zweite betrifft die Größe. Ein kleiner heller Kreis über einem breiten dunklen Streifen liest sich als Schweben, derselbe Kreis in doppelter Größe als Gewicht. Die dritte betrifft die Überlappung, die festlegt, was vorn liegt. Die vierte betrifft das Nebeneinander: Zwei Formen, die getrennt nichts miteinander zu tun haben, stehen plötzlich in einem Zusammenhang.
Aus denselben Formen werden so zwei verschiedene Blätter. Das ist eine Beobachtung aus unserer Arbeit mit Papier und keine Methode, die wir einer Künstlerin zuschreiben. Nachprüfen lässt sie sich in zehn Minuten.

Hannah Höch und gefundene Bilder
Hannah Höch lebte von 1889 bis 1978 und wird der Berliner Dada-Bewegung zugeordnet. Sie arbeitete mit Collage und mit Fotomontage. Bei der Fotomontage werden fotografische Bruchstücke zu einem neuen Bild zusammengesetzt: Ausschnitte aus gedruckten Vorlagen treffen aufeinander, und die Klebestelle bleibt meist sichtbar.
Das Material war also schon da, bevor das Bild entstand. Wer mit vorgefundenen Bildern arbeitet, arbeitet mit Bedeutung, die bereits im Material steckt. Ein Werk, an dem sich das ansehen lässt, ist die „Dada-Rundschau“, die auf 1919 datiert ist.
Nicht nur eine schöne Oberfläche
Zwei gedruckte Ausschnitte können harmlos wirken, solange sie getrennt bleiben. Sobald sie sich berühren, liest man sie zusammen und fragt sich, was sie verbindet. Ein vertrautes Bild kann an einer unerwarteten Stelle seine Selbstverständlichkeit verlieren: Es bleibt erkennbar, aber es bedeutet nicht mehr dasselbe.
Wer bei der „Dada-Rundschau“ von 1919 nach politischen Bezügen sucht, findet sie nicht in einer Erklärung der Künstlerin, sondern in den Größenverhältnissen und in der Nachbarschaft der Bildstücke, so weit die Werkangaben das hergeben. Über ihre Absicht sagen diese Angaben nichts, und wir behaupten es auch nicht.
Drei Fragen beim Betrachten
Beim Betrachten hilft es, nicht nach dem Motiv zu suchen, sondern nach den Entscheidungen.
Die erste Frage richtet sich auf das Größenverhältnis: Wenn ein kleines Stück genauso viel Aufmerksamkeit bekommt wie eine große Fläche, ist das eine Entscheidung. Die zweite sucht die Berührung: Welche zwei Dinge stoßen aneinander, und was haben sie vorher bedeutet? Die dritte betrifft den Weg des Blickes. Er beginnt selten dort, wo die größte Fläche liegt.
Diese drei Fragen sind unsere redaktionellen Fragen und keine überlieferte Methode. Wer sie auf eine Zeitschriftenseite oder ein Plakat anwendet, merkt, dass sie auch dort funktionieren.
Mit eigenen Papieren beginnen
Für den eigenen Versuch brauchen Sie kein gedrucktes Bild. Reißen Sie drei Formen aus verschiedenfarbigem Papier und legen Sie dieselben Formen zweimal auf ein Blatt: zuerst mit Abstand nebeneinander, dann überlappend. Vergleichen Sie nur diese beiden Anordnungen. Was erscheint jetzt verbunden? Welche Form wirkt größer?
Wie daraus eine ganze Fläche wird, steht in der Anleitung, mit der Sie eine eigene Papierlandschaft legen. Wenn Sie das Material lieber selbst herstellen, können Sie Papier mit eigenen Farben gestalten. Eigene bemalte Papiere sind noch nicht mit Bedeutung aufgeladen, und für den ersten Versuch ist das angenehmer.
Ein Titel verändert den Blick
Ein einzelnes Wort unter einer Anordnung verändert, wie sie gelesen wird. Dasselbe Blatt heißt mit dem Titel „Fundstück“ anders als mit dem Titel „Zwei Tage später“. Sie können mit einem kurzen Titel experimentieren und zwei Fassungen nebeneinander legen.
Anders wird es mit einem Gegenstand auf dem Tisch. Wer die Geschichte eines Gegenstands erzählen möchte, bringt eine Herkunft ins Bild, die niemand sehen kann. Beide Wege führen vom Material zu einer Bedeutung, die der Betrachter ergänzt; mit der Biografie von Hannah Höch haben sie nichts zu tun.
Weiter hören, wenn Sie möchten
Wenn Sie nach dem Lesen weiterhören möchten, gibt es einen ZEIT-Kunstpodcast über Hannah Höch. Die Folge handelt von Dadaismus und Collagen. Für die biografischen Angaben haben wir den Podcast nicht ausgewertet; sie stammen aus den Sammlungsangaben der Museen.
Wenn Sie diese Idee für jemand anderen vorbereiten: Hinweise für Menschen, die begleiten.
